Warum der erste Gedanke selten der wichtigste ist.
Menschen wertfrei begegnen zu wollen ist so, als würde ein Fisch versuchen, dauerhaft an Land zu überleben.
Ja, das war jetzt provokativ geschrieben. Aber ich vermute, dass ich damit deine Aufmerksamkeit gewonnen habe. 😉
Natürlich ist es ein schönes Ziel, anderen Menschen möglichst wertfrei zu begegnen.
Wenn der obdachlose Mensch zu einer Person wird, die durch eine Verkettung von Schicksalsschlägen in diese Lage geraten ist und nicht einfach ein Versager ist.
Wenn wir Verständnis für die komplett erledigten Eltern eines Kleinkindes in der Trotzphase aufbringen können und uns nicht innerlich denken: „Wieso haben sie das Balg nicht unter Kontrolle?“
Oder wenn der dauerhaft erschöpfte Partner nicht sofort den Stempel „faul“ bekommt, sondern wir erkennen, dass vielleicht gerade etwas ganz anderes dahintersteckt.
Ja, das wäre schön.
Ich glaube nur nicht, dass wir Menschen so funktionieren.
Der erste Gedanke ist oft schneller als wir selbst. Er taucht auf, noch bevor wir bewusst entscheiden können, was wir über jemanden denken möchten. Manchmal ist dieser Gedanke wenig schmeichelhaft, manchmal ungerecht und manchmal sogar richtig grauslich. Genau deshalb versuchen wir ihn häufig sofort wegzuschieben. Schließlich will niemand oberflächlich oder herablassend sein.
In meinen Beratungen mache ich deshalb oft etwas, das auf den ersten Blick vielleicht seltsam wirkt.
Ich lade meine Klient*innen nämlich nicht dazu ein, ihre Gedanken sofort zu korrigieren. Ich lade sie zuerst dazu ein, sie überhaupt auszusprechen.
„Hau raus! Was ist das Allererste, das dir in den Sinn kommt?“
Gerade bei den besonders gut erzogenen Menschen braucht es dafür manchmal ein bisschen Unterstützung. Dann werfe ich einfach selbst ein paar Möglichkeiten in den Raum. Aussagen, bei denen viele zuerst erschrocken schauen und dann lachen müssen, weil sie sich denken: „Ja… genau das war’s eigentlich.“
Und weißt du was? Ich freue mich über diese Gedanken.
Nicht, weil ich sie gut finde.
Sondern weil sie endlich auf dem Tisch liegen.
Denn Gedanken, die wir nicht haben dürfen, verschwinden nicht. Sie werden nur leiser. Und aus dem Hintergrund versuchen sie trotzdem weiterhin, unsere Sicht auf andere Menschen zu beeinflussen.
Ich glaube, Mitgefühl beginnt deshalb nicht damit, den ersten Gedanken zu verhindern.
Es beginnt damit, ihn zu erkennen und ihm nicht das letzte Wort zu überlassen.
Wenn ich den obdachlosen Menschen sehe und mein erster Gedanke lautet: „Der ist selbst schuld.“, dann kann ich mich im nächsten Moment fragen: „Was könnte passiert sein, damit ein Mensch mit seinem ganzen Hab und Gut in einem Einkaufstrolley durch die Straßen zieht?“
Wenn ich Eltern mit einem laut schreienden Kind begegne, kann ich mich weiterhin über den Lärm ärgern. Gleichzeitig kann ich aber anerkennen, dass sie vermutlich gerade alles geben, was ihnen in diesem Moment möglich ist.
Und wenn meine Partnerin seit Wochen erschöpft wirkt, muss ich das nicht automatisch persönlich nehmen. Vielleicht steckt hinter dieser Erschöpfung etwas, das ich auf den ersten Blick gar nicht sehen kann.
Eigentlich begegnet uns dieses Thema jeden Tag.
Der Autofahrer vor uns fährt gefühlt im Schritttempo und schon ist die Geschichte in unserem Kopf fertig geschrieben: „Der kann wohl nicht Autofahren.“
Vielleicht.
Vielleicht sitzt dort aber auch eine ältere Dame, die sich auf dieser Strecke nicht mehr sicher fühlt. Vielleicht ein Fahranfänger. Vielleicht jemand, der gerade nach einem langen Nachtdienst nach Hause fährt oder nach einem belastenden Gespräch einfach nur versucht, sicher anzukommen.
Wir wissen es nicht.
Und genau darin liegt für mich der entscheidende Punkt.
Nicht darin, den ersten Gedanken nie wieder zu haben. Ich glaube sogar, das ist ein aussichtsloser Versuch. Genauso aussichtslos, wie von einem Fisch zu erwarten, dass er dauerhaft an Land lebt.
Aber wir können entscheiden, ob wir bei diesem ersten Gedanken stehen bleiben oder ob wir bereit sind, noch einen zweiten dazuzulassen.
Vielleicht ist genau dieser zweite Gedanke der Ort, an dem Mitgefühl beginnt.







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