Gedanken zur Lebensmitte
Du darfst erwachsen und lebendig sein

Als ich Jugendliche war, hatte ich einen sehr lieben Professor und Klassenvorstand.
Eines Tages saßen wir in der Pause zusammen und er klagte mir sein Leid. Wir Schüler:innen hätten doch nur zu lernen und sonst keine Verantwortung zu tragen. Er verstehe nicht, weshalb wir uns nicht bemühen und uns so gehen ließen.

Ich fragte ihn, ob er sich noch an seine eigene Jugend erinnern könne.
Daran, wie sehr es einen beschäftigt, wenn der Schwarm dich keines Blickes würdigt.
Wie morgens – wie aus dem Nichts – ein großer roter Pickel auf der Stirn demonstrativ deine Unvollkommenheit zur Schau stellt.
Wie man von einer auf die andere Sekunde himmelhochjauchzend zu Tode betrübt ist.

Ich wollte von ihm wissen, ob er eine Ahnung habe, wie anstrengend das ist.

Er sah mich staunend an und sagte:
„Ich habe gänzlich vergessen, wie furchtbar diese Zeit war.“

Heute, in der Lebensmitte, blicken wir oft auf diese Jahre zurück und denken vielleicht:
Wie leicht es damals doch war.
Das ganze Leben lag noch vor uns. Es war aufregend, offen, voller Möglichkeiten.

Nun ist vieles erreicht.
Man geht seiner Arbeit nach, lebt in einer langjährigen Partnerschaft, hat vielleicht Kinder.
Die Tage ähneln einander.
Es ist ein wenig wie: täglich grüßt das Murmeltier.

Manchmal fühlt es sich an, als wäre man ein Zahnrad in einer gut geölten Maschinerie.
Man funktioniert. Alles läuft.
Und dann beginnt es plötzlich zu stocken.

Das kann ein Lebensereignis sein.
Oder auch nur diese innere Stimme, die leise sagt:
„Ich habe alles, was ich mir gewünscht habe – und trotzdem fehlt etwas.“

So wie mein Professor vergessen hatte, wie fordernd die Jugend war, unterschätzen wir manchmal, wie anspruchsvoll die Lebensmitte ist.
Gerade weil sie nach außen so stabil wirkt.

Der Satz „Du bist so alt, wie du dich fühlst“ hat seinen Wahrheitsgehalt.
Doch wenn ich keinen Sinn mehr spüre, übermäßig viel Verantwortung trage und glaube, alles unter Kontrolle haben zu müssen –
wo bleibt dann noch Platz für Leichtigkeit und Freude?

Vielleicht ist es kein Zeichen von Undankbarkeit, wenn etwas fehlt.
Vielleicht ist es ein Hinweis darauf, dass etwas in dir wieder gehört werden möchte.

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Schön, dass du da bist.

Ich schreibe für Menschen in der Lebensmitte, die funktionieren, Verantwortung tragen und dennoch merken, dass etwas fehlt.
Nicht, weil etwas falsch ist – sondern weil Übergänge, Sinnfragen und innere Orientierung Aufmerksamkeit brauchen.

Zwischen uns gesagt:
Manchmal beginnt Klarheit nicht mit einer Lösung,
sondern mit einem ehrlichen Gedanken.

— die Babsi

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